Zurück zur Bauarbeiterpulle

Schwäbisches Tagblatt (Samstag 16. Juni 2018)

Lebensmittelwirtschaft: Die Kronenbrauerei Remmingsheim hat auf die Euro-Flasche umgestellt. Der Wechsel soll Unternehmen und Verbraucher erfreuen.Von Gert Fleischer

 

Die Remmingsheimer Kronenbrauerei Schimpf hat wieder auf die Halbliter-Euroflasche umgestellt. Damit einher geht der Wechsel zu neuen, etwas flacheren Bierkästen und anderes Etikettendesign. Junior-Chef und Braumeister Martin Schimpf begründet die Änderung damit, dass die Brauerei künftig wieder bessere Mehrwegflaschen anbieten kann; Flaschen, die äußerdlich nicht so sehr durch vielfache Wiederverwendung abgerieben sind. Zugleich werde der Einzugsbereich der Flaschen kleiner und damit der Transportradius. Das spart Kosten und schont die Umwelt. Und: „Die Jungen finden die Euro-Flasche bulliger und cooler.“
120 verschiedene Bierflaschen gibt es in Deutschland. Da wird der Vortel, der stets für das Mehrweg-Pfand-System prpagiert wird, immer mehr aufgehoben. Für die wachsende Vielfalt sorgt der Hang zum individualisierten Produkt, zur Exklusivität. Verwenden alle Brauereien die gleichen Flaschen, lassen sie sich überall verwenden. Die alten Etiketten werden beim Waschen abgelöst, es kommen neue drauf, und auch beim Kronkorken kann die Marke erscheinen. Selbst bei den teuren Bügelflachen, die seit einigen Jahren wieder in Mode sind, lässt sich der Verschluss mit dem Porzellankopf austauschen, sollte er ein Konkurrenz-signet tragen.

Um sich herauszuheben, gingen viele Brauereien noch weiter. Sie ließen sich ganz neue Flaschenformen entwerfen. Oder sie ließen ihre Marke, ihr Logo wie ein Relief aufs Glas aufprägen (das so genannte Embossing). Damit ist die Flasche keine Pool-Falsche mehr, erklärt Schimpf. Sie ist ausschließlich von dieser Brauerei nutzbar, denn niemand will Bier in eine Flasche abfüllen, auf der nicht ablösbar der Name der Konkrurenz steht. Plötzlich müssen Bierflaschen wieder von den Alpen bis zur Nordsee gekarrt werden. “ So ein Blödsninn“, kommentiert Schimpf.

Zu viel verkratzte Flaschen

Kunden mischen die unterschiedlichen Flaschen, so dass immer mehr falsche Flaschen in die Brauereien zurückkommen, Dort müssen sie kostentreibend aussortiert werden – von Hand oder von Robotern. Die Schimpf-Brauerei schickt fie flachen Flaschen in die Pfalz. Dort ist ein Händler,der Flaschen aller Brauereien zu einem geringen Preis aufkauft, sie sortiert und dann na die jeweils richtigen Brauereien weiterverkauft.

Was die Brauerei für eine Fehl-Falsche bekommt, deckt nicht die Kosten einer neuen Flasche. Bei Tausenden von Flaschen summieren sich auf Cent-Beträge spürbar.

Von solchen Einflussen abgesehen, waren Alfred und Martin Schimpf nicht mehr zufrieden mit der seit 1990 hergestellten NRW-Flasche, die als Standardflasche im Brauereien-Pool universell einsetzbar war. Bis zu 50 Mal lässt sich so eine Flasche wiederbefüllen. Die vielfache Verwendung auf den Abfüllanlagen erzeugt Glasabrieb; es bilden sich die typischen Reib-Ringe. Als kleines Unternehmen im Pool sie die Kronenbrauerei unverhältnismäßig stark davon betroffen. Werden in Remmingsheim 8000 Flaschen pro Stunde abgefüllt, sind es bei Großbrauereienbis zu 120.000 Flaschen in der Stunde – und das mal zehn, weil 10 Anlagen laufen. In dieser Flut an Flaschen gehen die von Schimpf gekauften FLaschen unter. Tendenziell haben die Remmingsheimer deshalb viele verkratzte Flaschen. Das möchten die Schimpfs ihren Kunden nicht länger zumuten.

Weil Martin Schimpf die Folgegeneration in der Verantwortung steht, passte eine grundlegende Entscheidung in die Firmengeschichte: Zurück zur Euroflasche! Die war früher bereits Standardflasche für Bier, das mit Kronkorken verschlossen wird. Die neue Ausführung ist fast unverändert: sie hat imlaufend eine leichte Vertiefung doert, woe dasd Etikett klebt. Im Vergleich zur schlankeren NRW-Flasche wirkt sie bullig oder knubbelig, manche nennen sie auch die Bauarbeiter-Pulle.

Den Umweltschutz verstärkt

Weil die Euroflasche niedriger ist, sind andere Kästen notwendig. 20.000 neue Kästen für 400.000 neue Flaschen kaufte die Brauerei. Die Kästen werden aus alten Bierkästen recycelt. Der neue Kasten ist nicht nur 1 Kilo leichter, sondern auch niedriger. Größere Flaschen, etwa die NRW-Flasche gucken über den Rand raus und fallen sofort als Fehlbestückung auf.

Einige der mittelständischen Brauereien in Baden-Württemberg haben auch wieder auf die Euro-Flasche umgestellt, sagt Schimpf. So hat sich ein neuer Pool entwickelt, in dem auf relativ kurzen Wegen qualitativ gute Flaschen umlaufen.

Für Martin Schimpf bedeutet die Entscheidung ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Die Brauerei hat fast nur Mehrwegflaschen für die 17 Sorten Bier (inkl. Saisonbieren). Neben der Euro-Flasche gibt es noch zwei 0,33 l Flaschen, eine davon mit Bügelverschluss. Lediglich für Sportveranstaltungen gibt es aus Sicherheitsgründen PET-Flaschen.

Sind die Flaschen und Kisten neu, müssen es auch die Etiketten sein. Sie erhielten ein neues Design, sind natürlicher in der Anmutung und Herstellung. Silberne Farbe ist nur noch gedruckt, nicht mehr aluminiumbedampf.